Nun ist das schlechteste aller Szenarien eingetreten: Den Amerikanern und ihren Verbündeten bleibt nach der Machtübernahme der Taliban nichts mehr anderes übrig, als ihren Abzug zu organisieren – angeblich sind schon alle amerikanischen Staatsangehörigen und ihre afghanischen Helfer ausgeflogen, jetzt kommen die Deutschen dran. Am Flughafen in Kabul spielen sich dramatische Szenen ab. Soviel Afghanen wie möglich, die für die westlichen Truppen gearbeitet haben, versuchen verzweifelt mit an Bord zu kommen.

Indessen beschwichtigt der amerikanische Außenminister Blinken: kein zweites Saigon. Nein? Kein zweites Saigon? Der einzige Unterschied zu dem chaotischen Abzug der US Truppen aus Saigon im Jahr 1975 ist der, dass bis jetzt zumindest nicht um den Flughafen gekämpft wird. Die Mudschaheddin sind schlau genug, sich nicht auf einen direkten Kampf mit den hochgerüsteten amerikanischen Truppen einzulassen. Das haben sie auch nicht mehr nötig: Sie kontrollieren ohnedies alle Zufahrtsstraßen zu Kabul und dem Flughafen. Die Amerikaner sind von der Gnade der Taliban abhängig und das zwanzig Jahre nachdem diese mit ihrer Hilfe auf Seiten der damals siegreichen Nordallianz vertrieben wurden. Eine größere Demütigung für die USA und die Nato kann es nicht geben. Da gibt es auch nichts zu beschönigen. Präsident Biden selbst spricht von „miscalculations“, von Fehleinschätzungen. Das ist schwer untertrieben. Er hat seine Verbündeten mit hineingerissen in dieses Debakel.

Allen voran die Briten. Vergessen wir nicht, dass es ein Labour Premier war, Tony Blair, der Präsident Bush ohne Wenn und Aber in seinem Kampf gegen den Terror Gefolgschaft leistete. Johnson kann es jetzt ausbaden. Er wird sich jetzt vielleicht auch die Frage stellen, ob es wirklich so klug war, der EU den Rücken zu kehren und sich ganz auf die Bruderschaft mit den USA zu verlassen. Auch die Franzosen folgten, schon aus nationalem Dünkel, um nicht gänzlich von der Weltbühne abzutreten und die Deutschen halbherzig, aber doch, weil sie sich den Amerikanern prinzipiell zu Dank verpflichtet fühlen. Ohne die USA, ohne die Nato, hätte es keinen Fall der Mauer – 30 Jahre her – und keine deutsche Wiedervereinigung gegeben. Die Japaner, obwohl nicht bei der Nato, machten mit, weil sie Rückhalt gegen China brauchen, die Ukrainer, Rückversicherung gegen Russland. Sie alle wurden von Biden in diese Blamage mit hineingerissen. Es war, wie jetzigen zu Hauf an die Öffentlichkeit dringenden Informationen zu entnehmen ist, nicht so, dass Biden nicht vorgewarnt worden wäre, sich auf einen Abzug bis zum 20. Jahrestag von 9/11 festzulegen. Er blieb dabei – Wahlversprechen ist Wahlversprechen – und machte damit den Sieg der radikal islamischen Kämpfer, egal welcher Schattierung, in Afghanistan möglich. 

Ich erinnere mich genau an den Anschlag auf das World Trade Centre in New York vor zwanzig Jahren. Damals war ich noch Mitglied des Europäischen Parlaments – und die Schreckensnachricht erreichte uns während einer Sitzung des außen- und sicherheitspolitischen Ausschusses dem ich angehörte und für den ich auch an einer Sondermission nach Afghanistan teilgenommen hatte. Daher meine Kenntnis dieses Krisenschauplatzes und seiner Akteure. Ich empfand diesen Anschlag als Kriegserklärung des radikalen Islam nicht nur an die USA, sondern an die westliche Zivilisation überhaupt. Eine Einschätzung, die von dem Vorsitzenden dieses Ausschusses, dem CDU Politiker Elmar Brok, sofort abgeschwächt wurde. Besonders die Vertreter der deutschen Politik in der EU, aber auch die Franzosen und die Engländer, fingen sofort an, zu beschwichtigen: Nein, der Anschlag vom 9. September 2001 hatte nichts mit dem Islam zu tun, man hatte zweifellos Angst, die Millionen Moslems, die in Deutschland, in Frankreich , in Großbritannien, in den Niederlanden leben, gegen sich aufzubringen. Es wurde auch jeder Anschein vermieden, dass dieser Anschlag etwas mit der Israel-Politik der USA zu tun haben könnte, um zu vermeiden, dass hinter der antiisraelischen, antizionistischen Maske die hässliche Fratze des Antisemitismus zum Vorschein kommen könnte.

Damit begann in Europa die verhängnisvolle Beschwichtigungspolitik gegenüber dem radikal militanten Islam und auch der Vatikan schloss sich gegen besseres Wissen dieser politischen Linie an. Biden verfolgt sie sowieso. Zwar wird von seinen Sprechern und seinem Außenminister betont, dass die zwanzig Jahre US Engagement in Afghanistan und eine Trillion (!) Dollar im Kampf gegen die Mudschaheddin nicht ganz umsonst gewesen wären: Die USA hätten den Terror besiegt, aber in der Aufgabe, Afghanistan zu befrieden, so etwas wie einen nationalen Zusammenhalt zu schmieden, habe man versagt. Das sind peinliche verbale Rückzugsgefechte eines schwer angeschlagenen Präsidenten Biden. Niemand darf sich wundern, dass unter diesen Umständen sein Amtsvorgänger Donald Trump den Rücktritt Bidens verlangt, der ja in seinen Augen zu Unrecht wegen Wahlschwindels im Amt ist.

Immerhin 89 Milliarden Dollar haben die USA in die Ausbildung von Polizeikräften, Militär und Verwaltung gesteckt, um ihnen die Möglichkeit zu geben, sich gegen die Taliban zu behaupten. Zumindest ist Biden von der Annahme ausgegangen, dass sie dazu in der Lage wären. Damit hat er sein Festhalten an dem Abzugsdatum begründet. Wie uns täglich vor Augen geführt wird, war dem nicht so. Dies kann zwei Ursachen haben: Entweder Biden verfügte über die falschen Geheimdienstinformationen und schätzte die Lage falsch ein, oder er hatte die richtigen Informationen über die wahren Kräfteverhältnisse und beharrte auf seinem Entschluss. Beides wäre ein schwerer, unverzeihlicher Fehler. Eigentlich ist er, unabhängig, ob Trump dies ausnützt oder nicht , rücktrittsreif.

Wie ein Politologe und Afghanistankenner der London School of Economics gegenüber der BBC sagte:  „Die USA haben einen Krieg verloren,

                       die USA haben Afghanistan aufgegeben,

                       die USA haben den Irak aufgegeben.

                       Die USA sind von der Gnade der Taliban abhängig – sie entscheiden, ob das                 

                       Land kollabiert und in einem Bürgerkrieg versinkt“.

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