Genau vier Wochen ist es her, dass die Taliban in Kabul die Macht übernahmen, die Amerikaner und ihre Nato-Verbündeten abgezogen sind und das Land am Hindukusch genau jenen überlassen haben, die sie vor 20 Jahren mit militärischem Einsatz entmachtet haben und die nun triumphierend wieder zurückgekehrt sind- und schon haben wir wieder eine Geberkonferenz: Die Bevölkerung soll nicht neuerlich zum Opfer und dem Hungertod preisgegeben werden. Sie soll dort bleiben, wo sie ist. Das ist übrigens auch das Ziel der islamistischen Machthaber. Sie brauchen noch ein paar Leute, die sich auskennen, die die Verwaltung aufrechterhalten.

Ein ‚brain drain‘ in einem Land, in dem die Analphabeten Quote nach wie vor bei über 60% liegt, ist für sie nicht zu verkraften. In dieser Frage überschneiden sich die Interessen des Regimes mit dem jener Staaten, die Afghanistan nun den Rücken gekehrt haben. Nichts fürchten wir so sehr, wie eine neue Migrationswelle. Dass sie kommen wird, ist für mich keine Frage. Da die Europäische Union kein unmissverständliches Nein ausspricht, ist es so wie bei einem Tsunami: Zunächst weicht das Meer zurück, um dann mit der mörderischen Welle umso verheerender zu wüten. 

Der Westen, wenn man es so vereinfacht sagen will, steht wieder vor einem klassischen Dilemma: kann er es sich leisten, nicht zu helfen und die islamistischen Machthaber mit einer Mauer des Schweigens und der Nichtanerkennung zu isolieren oder soll es doch zumindest einen indirekten Dialog über die UNO geben? Wem hilft er damit? Den islamistischen Ultras an der Macht oder der Bevölkerung? Wenn er nicht hilft, die Auslandskonten weiter gesperrt lässt, das Regime also zahlungsunfähig ist, beschleunigt er wahrscheinlich dessen raschen Niedergang.

Jede Revolution hat noch ihre eigenen Kinder gefressen, da werden die Taliban keine Ausnahme sein. Die Frage ist nur, zu welchem Preis, zum Preis eines neuerlichen blutigen Bürgerkrieges, zum Preis eines zerfallenden Staates, mit all seinen Unwägbarkeiten und seinem menschlichen Leid. Die zweite Frage ist, wie schnell und wen reißt es mit, Tadschikistan, Usbekistan, jene Staaten, die einst die siegreiche Nordfront General Massouds unterstützt haben. Beide haben vorsichtshalber bereits gemeinsam mit Russland Manöver abgehalten. Der Sohn Massouds hat übrigens die Widerstandsfackel seines von den Taliban vor 20 Jahren ermordeten Vaters aufgenommen und versucht im Pandschirtal bewaffneten Widerstand zu leisten, der Widerstand wurde, behaupten die Taliban,  gebrochen, sie beherrschen angeblich das ganze Land.

Was ist aus jenen Kämpfern geworden? Wurden sie gefangen genommen, malträtiert, gefoltert, umgebracht? Man hört nichts. Ich wage nicht, es mir vorzustellen. In diesem Ringen zwischen einzelnen Ethnien werden und wurden keine Gefangenen gemacht. Dass der Westen, dass die UNO, die sogenannte Weltgemeinschaft aber so geflissentlich wegschaut, ist ebenfalls schwer zu ertragen. Fest steht, dass sowohl die USA, als auch die NATO schwer an Glaubwürdigkeit eingebüßt haben. Auch wenn US-Präsident Biden nicht der erste Präsident war, der aus Afghanistan raus wollte, vor ihm war es Donald Trump, an Biden wird der Makel des unrühmlichen Abzugs hängen bleiben, es wird seine Präsidentschaft überschatten. Die Version, die jetzt gerne verbreitet wird, lautet: Der Krieg gegen den Terror wurde gewonnen, die Stabilisierung Afghanistans, also das sogenannte ‚nation building‘, ist misslungen. Das ist eine dümmliche, politische Ausrede und nicht mehr als Schadensbegrenzung.

Vielleicht war es schon falsch von George W. Bush, den Krieg gegen den Terror auszurufen, ihn zu einem Nato-Bündnisfall zu machen. Seine Beendigung unter Joe Biden ist deshalb noch lange nicht richtig. Er hat vor dem politischen, militanten Islam kapituliert und das ist unser aller Problem. 

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