20 Jahre sind genug. US Präsident Biden kündigt den Abzug der amerikanischen Truppen aus Afghanistan ab. Pünktlich zum Jahrestag von 9/11 soll die Operation Rückzug abgeschlossen sein. Auch Präsident Trump wollte die US Truppen verringern und abziehen. Ein Aufschrei der Entrüstung fegte durch die USA und auch bei uns, im guten alten Europa, runzelte man die Stirn und schüttelte den Kopf. Der sprunghafte Trump, unüberlegt, schwer riskant, er liefert Afghanistan den Taliban aus, lässt die Regierung in Kabul in Stich … Und nun – unter Biden? Alles anders, alles gut?

Erinnern wir uns: Am 9.September 2001 wurde General Massoud, der siegreiche Kommandant der Nordfront in Afghanistan von einem Selbstmordkommando ermordet. Zwei Tage später krachten zwei entführte Passagiermaschinen der United Airlines in das World Trade Centre in New York und brachten es zum Einsturz, eine weitere Maschine wurde auf das amerikanische Verteidigungsministerium, das Pentagon, gesteuert, eine vierte entführte Maschine stürzte bei Shanksville/Pennsylvania ab. Mehr als dreitausend zivile Opfer wurden beklagt. Das war 9/11, das bei den Amerikanern ein ähnlich schweres Trauma auslöste wie der Vietnamkrieg. Der amerikanische Präsident George W.Bush erklärte darauf den Krieg gegen den Terror und zog gegen die radikal-islamistischen Untergrundkämpfer in Afghanistan in den Krieg, wo zuvor die Sowjets abgezogen waren.

Nach 10 Jahren sah der damalige Präsident der Sowjetunion, der sich Glasnost und Perestroika – Offenheit und Umgestaltung – verschrieben hatte, Michael Gorbatschow, keinen Ausweg mehr und befahl den Rückzug.  Er hielt nur ein Dezennium durch, die USA immerhin zwei. Sie füllten das noch in der Logik des Kalten Krieges entstandene Machtvakuum am Hindukusch nach dem Abzug der Sowjets und harrten an der Spitze einer Koalition der Willigen, der auch Österreich mit einer kleinen Gruppe von Offizieren angehört hatte, bis jetzt aus.

Als ich vor vielen Jahren mit einer Gruppe von EU Parlamentariern im Jahr 2003 dort war, hatte ich bereits den Eindruck, dass die Zentralregierung in Kabul keine Kontrolle über das Land hatte, sondern nur über die Hauptstadt. Die islamistischen Taliban wiederum erweckten durch brutale Anschläge, einmal im Norden, dann wieder im Süden, wo sie ihr Rückzugsgebiet in Pakistan hatten, den Eindruck einer Omnipräsenz. Wenn man Berichten der letzten Zeit glauben kann, beherrschen die islamistischen Untergrundkämpfer mittlerweile wiederum 80% des Territoriums. Alle Gespräche zwischen ihnen und der Regierung sind bisher ergebnislos verlaufen.

Nun kehren die Amerikaner dem Land den Rücken. Und so ein Rückzug ist immer riskant, kann, wenn man an Vietnam zurückdenkt, zu einem Debakel werden. Dies will, dies muss Biden unter allen Umständen vermeiden, sonst ist die amerikanische Glaubwürdigkeit nicht nur in Südasien dahin, sondern auch in Südostasien, im Nahen Osten, in der Ukraine, gegenüber Russland, dem Iran und gegenüber China und Nordkorea dahin. Die alte Erkenntnis bewahrheitet sich wieder einmal: Es ist leichter einen Krieg anzufangen, als ihn zu beenden, noch dazu, wenn es wie in Afghanistan ein asymmetrischer Konflikt ist. Was bedeutet das für uns in Europa? Hoffentlich keine neue Welle von Flüchtlingen, die uns, die von Corona Geschwächten, im denkbar ungünstigsten Moment treffen würde. Der Neo-Isolationismus eines Biden macht die Welt um nichts sicherer.

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