Nun ist Sebastian Kurz Geschichte. Seine Abschiedserklärung war kein Rückblick im Zorn. Im Gegenteil: er vermittelte den Eindruck eines Siegers, der nach zehn erfolgreichen Jahren in der Politik, mit gerade einmal 35 Jahren, voller Optimismus, eben erst Vater geworden, ein neues Kapitel in seinem Leben aufschlage und voller Hoffnung in die Zukunft blicke. Und ich bin überzeugt: Er wird es sich verbessern und nicht verschlechtern – mehr Geld und weniger Zores. Im Gegensatz zu dem von ihm geschassten Ex-Vizekanzler HC Strache, den er an den Rand der Existenz getrieben hat.  

Auch Kurz rechnet mit jahrelangen Rechtsverfahren, das scheint ihn aber nicht zu kümmern, denn er ist überzeugt davon, dass an den Vorwürfen gegen ihn nichts hängen bleiben würde.

Der Ex Jet-Set Kanzler zeigte sich dankbar Österreich gedient zu haben, erinnerte an seine Errungenschaften, wie Familienbonus, Schließen der Balkan-Route usw. und vor allem an zwei triumphale Wahlkämpfe, die er für die ÖVP geschlagen hatte, nicht ohne seinen Weggefährten, vor allem seinen Hauptförderern Michael Spindelegger, Altkanzler Wolfgang Schüssel und Ex Nationalratspräsident Andreas Khol gedankt zu haben. Letztere waren zweifellos seine wichtigsten Ratgeber und werden sich möglicherweise jetzt fragen, ob Kurz ihrem Rat auch gefolgt sei, oder ob sie ihn am Ende falsch beraten oder noch ärger auf das falsche Pferd gesetzt hätten?

Diese Frage werden sich viele ÖVP Granden jetzt stellen müssen, denn der von ihnen als Retter vor dem politischen Absturz auf den Podest gehievte Sebastian Kurz hat nach knapp zwei Jahren Kanzlerschaft, wie er selbst sagte, die Freude an der politischen Tätigkeit verloren, und einen politischen Scherbenhaufen hinterlassen. Der von ihm favorisierte Interimskanzler, Alexander Schallenberg, wird wieder zurückgesetzt auf den Posten des Außenministers; für ihn, den getreuen Dieners seines Ex Herrn, und uns eine Erleichterung.  Innenminister Nehammer wird ihm als Kanzler und ÖVP Chef folgen.

Die ÖVP neu wird wieder zur ÖVP alt mutieren und unter denkbar schlechten Voraussetzungen höchstwahrscheinlich in Neuwahlen schlittern. Denn es kriselt in der schwarz-grünen Koalitionsehe, nicht zuletzt wegen der Lobau-Tunnel Eskapaden der grünen Verkehrsministerin Gewessler.  Mit Karl Nehammer folgt ihm ein Hardliner nach, der das Bundeskriminalamt in seinem Sinne umgestaltet hat, was ihm zweifelsfrei hilfreich sein wird. Mit der Lupe nach rechten Übeltätern suchen und auf dem linken Auge blind sein, lautet die Devise.  Denn der Hauptgegner für die ÖVP bleibt bis auf Weiteres die FPÖ unter Herbert Kickl, dessen Forderung „Kurz muss weg“ schneller in Erfüllung gegangen ist, als er möglicherweise selbst erwartet hat.

Aber Kurz ist in erster Linie an sich selbst gescheitert, seinen Machtmethoden und Tricksereien, seinen Seilschaften und der Geschwätzigkeit Umfelds im Internet – eine Fundgrube von der die WKStA lange zehren wird. Er hat sich  aus der Schusslinie genommen, am selben Tag, an dem die deutsche Kanzlerin Merkel mit militärischen Ehren verabschiedet wird. Nach 16 Jahren Kanzlerschaft Merkel kann von einer Ära gesprochen werden, nach zwei Jahren Kanzlerschaft Kurz nicht, auch wenn der Schaden für österreichische Verhältnisse vergleichbar ist. Die konservativen Parteien stecken in der Krise, die Nutznießer sind Sozialdemokraten und Grüne. In Österreich wollte die ÖVP diesem Schicksal mit Hilfe eines von ihr mit allen Vollmachten ausgestatteten „Wunder –Wuzzi“ entgehen.

Das ist nicht gelungen. Das Experiment Kurz ist gescheitert.

Update: Auch Finanzminister Blümel weg

Und jetzt auch Gernot Blümel, auch er haut alles hin. Er war der Schatten von Kurz, 100 % loyal ihm gegenüber. Er hat auch ungeliebte Funktionen übernommen, so die Wiener ÖVP, die nicht so sehr von Blümel profitierte als von dem Niedergang der Wiener FPÖ. Die sich allerdings langsam erholt. Blümel wird es sich, wie Kurz, beruflich verbessern. Finanzminister unter den gegenwärtigen Umständen, Inflationsdruck und Corona, zu bleiben, war für ihn keine Option.
Ein Erdbeben.

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