Einer der ganz Großen ist von uns gegangen, Hugo Portisch im hohen Alter von 94 Jahren verstorben. Ich komme gerade aus dem Fernsehstudio von OE 24 TV, wo man unter anderem mich gebeten hat, einige persönliche Erinnerungen, die ich an Hugo Portisch habe, mit der Öffentlichkeit zu teilen, also auch mit Ihnen. Hugo Portisch war ein großer Lehrmeister des Journalismus in Österreich, ich habe als junge Redakteurin seine Reportagen, „So sah ich …“ verschlungen und er war ein wichtiger Ratgeber für mich.

Er ermutigte mich den Beruf der Journalistin zu ergreifen, mein erstes großes Interview durfte ich an seiner Seite machen: Er interviewte Golda Meir anlässlich ihres Besuchs in Österreich 1973 für das Fernsehen und ich für den Hörfunk. Ich schickte ihm meine ersten Artikel, die ich noch während der Mittelschulzeit über das geteilte Europa schrieb, und er war der erste, den ich fragte, was er davon hielte, wenn ich dem Ruf des damaligen Vizekanzlers Wolfgang Schüssel folgte, ins Europaparlament zu gehen. Seine Antwort wird mir immer in Erinnerung bleiben und ich beschreibe dies auch in meinem Buch, das demnächst herauskommt: „Ja, machen Sie das … viel Ferien, viel Ferien …“

In vielen Sendungen saß er als Live-Kommentator neben mir als Zeit-im-Bild-Moderatorin. Einmalig seine Live-Analysen von großem Gehalt für die Allgemeinheit verständlich zu bringen. Bis zuletzt machte er sich handschriftliche Notizen und kaum war das Rotlicht an, legte er los – quasi ohne Netz. Unvergesslich für mich auch unsere gemeinsame Sendung anlässlich der Freilassung der amerikanischen Geiseln aus Teheran im Jänner 1981, als ununterbrochen ein Telefon läutete ohne das am anderen Ende in Washington Klaus Emmerich dran war – auch ein Großer, dessen Ableben mich mit Trauer erfüllt, und Hugo Portisch begann die Hörmuschel zu zerlegen: „Kann man das nicht abstellen?“ – man konnte nicht, denn das Telefon, das läutete, stand irgendwo unsichtbar für uns unter dem Studiotisch – ein unvergessliches „Hoppala“.

Ein bleibendes Vermächtnis sind seine zeitgeschichtlichen Dokumentationen ‚Österreich 1‘ und ‚Österreich 2‘, in denen er Zeitgeschichte für Österreich aufarbeitete, ohne jeden moralinsauren erhobenen Zeigefinger. Er riss nie Gräben auf, er schüttete sie zu. Dies prädestinierte ihn dazu die Rolle Österreichs im Dritten Reich differenziert zu sehen, einerseits als Opfer, dessen staatliche Existenz durch den Anschluss ausgelöscht wurde, andererseits aber auch als Land der Täter und vieler Mitläufer, wobei er nie eine Kollektivschuld sah. Er urteilte, aber er verurteilte nie.

In die Politik wollte er nie gehen, weil er sich nicht vereinnahmen lassen wollte, von niemandem. Für ihn war die Unabhängigkeit des Journalismus – auch des öffentlich-rechtlichen ORF, ein beherrschendes Anliegen, für dessen Reform er mit einem von ihm mit-initiierten Volksbegehren eintrat. Immer wieder zitierte er einen seiner Professoren in den USA, wohin er nach dem Krieg, wie viele andere seiner Generation, auch ein Stipendium erhalten hatte: Check, Recheck, Doublecheck – und „audiatur et altera pars“ – also auch immer den anderen hören, nie die allein seligmachende Wahrheit für sich in Anspruch nehmen.

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