Wenn Österreich etwas ist, dann ist es eine Kulturnation. Das sage ich ohne jeden Dünkel und ohne jede retrospektive Larmoyanz. Und nicht, weil ich dreißig Jahre mit einem der führenden Schauspieler des Burgtheaters, Heinrich Schweiger, verheiratet war und seit meiner Jugend dem Theater, der Musik und der Literatur verbunden bin. Dass ich mit Maske und Abstand und vielleicht sogar mit einem Schnelltest in eine Bergbahn einsteigen, aber nicht in einen Konzertsaal oder ins Theater darf, ist nicht einzusehen und dasselbe gilt für die Gastronomie. Die Gastroszene hat  mehr Fürsprecher in der Politik als die Kulturszene.

Skandal Heumarkt

Das Kulturverständnis scheint in dieser Regierung, aber nicht nur in dieser, mit wenigen Ausnahmen, unterentwickelt und so gut wie nicht vorhanden zu sein. Das betrifft nicht nur die darstellende Kunst, sondern auch das Verständnis für Stadtplanung, Denkmalschutz und last not least den Umgang mit dem Weltkulturerbe.

Es ist schlichtweg ein Skandal, was sich sozialdemokratische Bürgermeister, wie Häupl und dessen damaliger Koalitionspartner, die Grünen, vor allem deren Planungssprecher Christoph Chorherr, in Sachen Heumarktprojekt geleistet haben. Gegen ihn wird staatsanwaltlich ermittelt. Der Verdacht der Parteienfinanzierung steht im Raum, wobei natürlich die Unschuldsvermutung gilt. Der Projektbetreiber, Michael Tojner, droht jedem mit Klagen, der den Verdacht erhebt, dass er je an den ehemaligen Chorherr – Verein Ithuba gespendet habe, um sich für das Baurecht am Heumarkt bei den Grünen erkenntlich zu zeigen. Übrigens die Stadt Wien spendet bis heute an diesen Verein, aus dem sich Chorherr mittlerweile zurückgezogen hat. Auch für den jetzigen Bürgermeister der Stadt Wien, den Erfolgspolitiker der SPÖ schlechthin, Michael Ludwig,  ist das Hochhausprojekt am Stadtpark ein Vorhaben von dem er sich nicht so einfach verabschieden kann und wird. Bis jetzt hat die Stadt Wien übrigens nie verlauten lassen, wie die neue Planung, die angeblich Welterbe-konforme Fassung, wirklich aussieht. Ludwig vermeidet das Aufsehen und die Konfrontation. Im Schatten der Corona-Krise könnte er  alle Verpflichtungen, die sein Vorgänger Häupl Tojner gegenüber eingegangen ist, fast unbemerkt von der Öffentlichkeit durchziehen, womöglich noch mit dem Placet der UNESCO. Damit wird bis zum kommenden Herbst gerechnet.

Kultur – nur ein Kostenfaktor?

Zumeist wird Kultur nur als Kostenfaktor gesehen,  der erste Posten bei dem eingespart werden muss, vor allem im Bereich dessen, was gemeinhin als Hochkultur gilt.

Wenn sich die Politik großzügig gibt, verbindet sie dies meist mit der Erwartung politischen Wohlverhaltens, wenn nicht direkt, so zumindest indirekt, was sich dann meist in Wahlkämpfen zeigt,  wenn sich Künstler,  Filmemacher, Popsänger usw. von politischen Parteien einspannen lassen. Dabei war die SPÖ bisher besonders erfolgreich. Die ÖVP viel weniger,  die Grünen haben die eigene Szene enttäuscht, zwischen den Freiheitlichen und der Kulturszene herrscht im besten Fall Sprachlosigkeit und die NEOS möchten die Kulturschaffenden ebenfalls gerne einfangen, was nicht so wirkungsvoll ist, weil sie nichts zu vergeben haben. Wie Oskar Werner einmal sagte, „Schauspieler sind Huren“, oder etwas milder ausgedrückt, der Künstler, der Kulturmanager, geht zur Quelle, zum Geldgeber – auch verständlich, aber er darf dabei nicht seine Seele verkaufen und zur Vorhut von Parteipolitik werden. Ein besonders in Österreich weitverbreitetes Phänomen. Nicht zuletzt dieser Umstand hat vielen Schauspielern und Kabarettisten den Ruf von Staatskünstlern eingetragen. Mittlerweile scheint auch hier eine Entfremdung eingetreten zu sein, wofür Lukas Resetarits ein gutes Beispiel ist. Die Anbiederung an die Politik ob freiwillig, aus vorauseilendem Gehorsam oder aus purem Opportunismus hat sich nicht bezahlt gemacht. Ein später Aufschrei der Kulturszene unabhängig von ideologischen Schattierungen ist die Folge.

Endlich gemeinsame Plattform

Sie hat sich endlich zu einer gemeinsamen Haltung durchgerungen und eine „bundesweite Plattform von Theatern, Opern-und Konzerthäusern“ gebildet, deren Botschaft schlicht und einfach lautet: „Kunst und Kultur dürfen nicht schlechter gestellt werden als die Gastronomie und ich füge hinzu als die Tourismuswirtschaft in den österreichischen Alpen. Dies werde von der Bevölkerung nicht verstanden. Stimmt. Eine meiner besten Freundinnen bricht in Tränen aus, weil sie nicht in die Burg gehen kann.

Zugegeben, das tun nicht alle, vor allem nicht jene, die dem Regiekult nichts abgewinnen können, und das sind nicht wenige, aber das tut jetzt nichts zur Sache.  Der Mensch braucht Theater und Konzert wie die Luft zum Atmen. Künstler, Dirigenten, Schauspieler, Instrumentalisten, Orchester, Sänger brauchen Publikum, nicht nur life-streams.  Dadurch können zwar mehr Menschen erreicht werden, als in Burg, Oper, Musikverein oder Konzerthaus Platz finden, aber dies ist kein Ersatz für ein Publikum, das unmittelbar in Echtzeit – und Echtakkustik an dem Entstehen eines Bühnenereignisses teilnehmen will. Life-Stream ist dafür kein Ersatz. Er kann zusätzlich sein, aber nicht ausschließlich. Außerdem müssen Schauspieler, Sänger, Orchester, Dirigenten arbeiten, probieren, nicht zu vergessen das Personal der Technik und aller zusätzlichen Einrichtungen der Bundestheater, wie Bühnenwerkstätten usw. Auch und gerade an  der für Österreich so wichtigen Hoch-Kultur hängen viele Arbeitsplätze, genauso wie an der Gastronomie und im Tourismus. Selbstverständlich hat auch die Popkultur diese Sorgen und die freie Szene. Keine ist aber für das Selbstverständnis und Wesen unseres Landes so unverzichtbar wie jene Kulturinstitutionen, die sich in dieser Plattform zusammengeschlossen haben, sie bilden die Identität Österreichs ab,  in Europa und international. 

Schulterschluss

Dieser Schulterschluss ist  signifikant, denn er zeigt eine überfällige Emanzipation der für dieses Land und seine Identität unverzichtbaren Kulturschaffenden und Kulturmanager, die alles getan haben, um Corona zu trotzen und aufsperren zu können – und es nützt nichts,  wie der Schulterschluss, den die Regierung und die Landeshauptleute über alle Parteigrenzen hinweg vollzogen haben, um den verlängerten Lockdown einer immer skeptischer werdenden Öffentlichkeit schmackhaft zu machen. Über alle Parteigrenzen stimmt so nicht, über schwarz/türkis-rote Parteigrenzen hinweg trifft mehr zu. In der Not der Pandemie und der Angst, dass die Lage wegen der Mutation des Virus außer Kontrolle gerät scheint eine schwarz-rote Renaissance durchaus vorstellbar.   

Die Intendanten der in der Plattform vertretenen Kulturinstitutionen  haben gezeigt, dass sie mit Corona umgehen können, dass sie Sicherheitskonzepte erarbeitet haben, die das Spielen und Musizieren ermöglichen, Frischluftzufuhr, FFP2 Masken,  geordneter Zutritt, Reduzierung der Sitze usw.  In all ihren Häusern mit mehr als 500.000 Besuchern sei im Sommer und Herbst kein einziger Cluster im Publikum entstanden, die Präventionskonzepte hätten sich bewährt, heißt es in der Stellungnahme.

Die Plattform spricht sich auch gegen den Testzwang aus. Das Tragen einer FFP2 Maske kombiniert mit den starken Präventionskonzepten und den besonderen Belüftungsanlagen müsse als Alternative zum Testen möglich sein, heißt es in dem Positionspapier. Der Aufschrei der Kulturträger dieses Landes darf nicht ungehört verhallen.

  1. Margit Meisel says:

    Sehr geehrte Frau Stenzel! Gehe vollkommen mit Ihrer Meinung einher.
    Leider noch immer zu viele obrigkeitshörige, nicht selbstdenkende Menschen in Österreich.
    Bitte machen Sie so weiter- es ist wunderbar, ihrer Wortwahl und Ihren Gedanken zur Situation zu folgen.

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