Wir kennen das von der EU. Verhandelt wird immer bis zur letzten Minute. Wenn schon gar nichts mehr geht, werden die Uhren angehalten. Jede Seite pokert so lange es geht, denn weder die EU noch der betroffene Austrittskandidat wollen am Scheitern eines Abkommens, oder besser gesagt, am Nichtzustandekommen einer Vereinbarung schuld sein.

Der Austrittskandidat ist diesmal das Vereinigte Königreich, oder treffender das „Unvereinigte Königreich“. Denn Nordirland, Schottland und das Finanzzentrum, die Londoner City,  wollen drin bleiben. Die alten Industriegebiete in Mittelengland, rund um Sheffield, raus.

Zwei Premierminister wurden verschlissen, David Cameron, der das unglückselige Referendum über den Verbleib oder nicht Verbleib seines Landes im Juni 2016 inszenierte, mit einer krassen Fehleinschätzung, denn er rechnete mit einem Ja zur EU, und Theresa May, die Premierministerin, die keine geregeltes Scheidungsverfahren mit der EU zustande brachte.

Nun ist Boris Johnson dran, der sich an der EU die Zähne ausbeißt oder auch umgekehrt. Deal oder Nichtdeal – das ist die Frage, nicht länger Sein oder Nichtsein, wie bei Shakespeares Hamlet. Obwohl, um Sein geht es schon. Es geht um Fischereirechte, um Wettbewerb, um Handelshemmnisse und letztlich um den Schutz der Landwirtschaft. Angeblich nur mehr um die letzte Meile, die es zu überwinden gilt.

Die EU hat ihren Spitzendiplomaten aufgeboten, Michel Barnier, um zu retten, was zu retten ist. Die Frage ist, ob überhaupt etwas zu retten ist. Denn wenn die Europäische Union darauf besteht, dass der Austritt die Briten so teuer wie möglich kommen muss, damit er abschreckend wirkt, wird Großbritannien eine ungeregelte Scheidung bevorzugen. Verlierer wird es dann auf beiden Seiten geben.

Denn wir dürfen nicht vergessen: Mit Großbritannien verliert die EU die zweitgrößte Volkswirtschaft. Das ist nicht leicht zu verkraften, auch wenn die Briten seit Margaret Thatcher schon wesentlich weniger in den gemeinsamen Topf einzahlen als alle anderen Nettozahler. Die “ Eiserne Lady“ hat mit Erfolg einen Rabatt ausgehandelt, wie wir uns alle erinnern können. „I want my money back“ – mit diesem Schlachtruf hat sie Brüssel gestürmt.

Und die EU ging darauf ein. Die Briten waren schon immer schwierige Zeitgenossen für die EU. Aber ihr Abgang hat nicht nur wirtschaftliche Konsequenzen für beide Seiten, sondern bedeutet auch eine politische Gewichtsverlagerung in der EU zugunsten des „Club Med“, also der auch ohne Corona schon hoch verschuldeten südlichen Staaten von Frankreich über Italien bis Spanien.

Das kann, das darf den Nettozahlern, also auch Österreich, nicht egal sein. 

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